Julia Moritz
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Unter dem Titel "an And and and" zeigt das BÜRO DC auf Einladung von Julia Moritz eine neue dreiteilige Werkgruppe von Natalie Czech (*1976), die sich dem Phänomen des Endes von visuellen oder sprachlichen Erzählungen und ihres Einflusses auf die Wahrnehmung von Realität widmet. Nahm die Auseinandersetzung der in Köln lebenden Künstlerin mit den Bildmustern medialer Darstellungen von gesellschaftlichen Ereignissen ihren Ausgang vor allem in grossformatigen digitalen Bildmontagen - wie zuletzt in der Publikation "Ahoj Ouroboros" (Revolver Verlag) in Bild und Text dokumentiert -, lässt sich gegenwärtig eine Verbreiterung ihres medialen Spektrums verzeichnen.
In der Ausstellung "an And and and" ist daher erstmalig eine Videoarbeit von Natalie Czech zu sehen. "The Passenger" zeigt eine sinnreich durchkomponierte, fünfzehnminütige Abfolge letzter Einstellungen von Filmen. Ihr Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Film des Regisseurs Michelangelo Antonioni, in dem Jack Nicholson als Reporter in die Identität eines toten Hotelzimmernachbarn schlüpft, um seinem vorherigen Leben zu entfliehen. Dieser und ähnliche Meilensteine der Filmgeschichte bieten das Material für Czechs Auswahl jeweils letzter Filmsekunden. Geleitet von einem geradezu ethnografischen Interesse an wiederkehrenden Bildtypen und -formeln sichtet sie den reichhaltigen kulturellen Vorrat, registriert verschiedene formale Strategien und macht sie sich schliesslich - gleich dem "Passenger" - für ihre eigene filmische Arbeit zu eigen. Die dafür benutzten letzten Einstellungen vereint das Moment des "Open End". Analog zur Erfahrung des täglichen Lebens formulieren sie den Schluss ihrer Erzählung anhand offener Fragen anstatt der Forderung einer kohärenten Auflösung gerecht zu werden. Das besondere Potenzial derartiger, von Antonioni in den sechziger und siebziger Jahren häufig eingesetzten Nicht-Enden begründet sich in der Dekonstruktion der konstitutiven Differenz des Films zur realen Welt: seiner durch die Rahmung der fiktiven Ereignisse durch einen Anfang und ein Ende entstehenden Geschlossenheit. Die eher als offener Text gestaltete Coda hingegen ist in der Lage, Schnittpunkte von Film- und Zuschauerrealität zu generieren und damit die vom Film entwickelte Vorstellungswelt an das Betrachterindividuum zu delegieren. Ein besonderes stilistisches Mittel, auf das Czechs künstlerisches Arrangement mittels völligem Verzicht auf Farbigkeit, Ton und Abbildung der Protagonisten das Augenmerk lenkt, ist der Einsatz von Tageslichtstimmungen: So werden Elemente wie der klassische, parallel zum Abflachen der filmischen Narration gezeigte Sonnenuntergang als symbolisierende Mittel bei der Gestaltung von Enden kenntlich - ein "Verstummen der Geschichte und Triumph des Visuellen" (Thomas Christen). Czechs Komposition der Enden zu einem ganz eigenen Roadmovie, einer ziellosen Reise um ihrer selbst Willen, arbeitet eben jene Erhabenheit des prinzipiell nicht-endlichen Raumes heraus und überföhrt die abstrakten Sequenzen in eine sehnsuchtsvolle Bildwirklichkeit.
Ein Collagezyklus, der sich aus der langjährigen Sammlung unterschiedlicher Typen von Kreuzworträtseln in Tageszeitungen speist, führt die Auseinandersetzung mit den visuellen Codes ungelöster Aufgaben und Situationen fort. Ähnlich der Videoarbeit eröffnet sich das Spektrum unzähliger Variationen des scheinbar Gleichen im seriellen Arrangement der ungelösten Rätselvorlagen und schafft neue, abstrakte Bilder. So setzt sich "Das grosse Freitagsrätsel" (85x58cm) aus 70 Ausgaben besagten Rätsels in der freitäglichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung zusammen, "Crossword" (56x80cm) vereint 88 Varianten der gleichnamigen Rubrik im Herald Tribune vom Montag, "Quadratortur" (60x52cm) entstammt 56 Wochen aufeinander folgenden Sonntags-FAZs und "wahrhaftig und verborgen" (75x53cm) erschien unter diesem klangvollen Namen in 63 Ausgaben der taz am Samstag. Dabei greift Natalie Czech die allen Kreuzworträtseln inhärente strenge Logik auf und generiert für jede Arbeit ein spezielles formales System, das für das Auge der BetrachterInnen nicht minder herausfordernd ist als die fehlenden Fragenblöcke für den Zerstreuung suchenden Geist der ursprünglichen AdressatInnen. Czechs ertragreiche Spurensuche in der Zeichenwelt des Alltags rekurriert so einmal mehr auf die Parallelen populärkultureller Repräsentationen und einer dem klassischen Kunstbegriff verpflichteten abstrakten Bildsprache.
Was den Kreuzworträtseln fehlt, stellt das Material für die "Unvollendeten" dar - die Worte. In der dritten Arbeit der Werkgruppe manifestiert sich Natalie Czechs Reflexion über die Bedingungen und Möglichkeiten von Enden in einer raumgreifenden Papierarbeit: Thema von sechs sich über die Wand und den Boden des Ausstellungsraums erstreckenden Papierstreifen ist der von der Autorin Jane Austen unvollendete Roman "The Watsons" (1804), den sechs unterschiedliche Autorinnen und Autoren zwischen 1923 und 2005 zu vollenden versuchten. Czechs entsprechend der jeweiligen Seitenfülle unterschiedlich langen Ausdrucke der vergrösserten, in ihre einzelnen Wörter zerlegten und neu zusammengesetzten letzten Buchseiten der antiquarischen Erstausgaben spielen subtil mit der Divergenz von Original und Imitation. Doch auch diese Arbeit verfügt über einen bewusst gewählten blinden Fleck: Die Namen der karikierten Herrschaften und ihre ländlichen Bühnen wurden beim Collagieren ausgelassen; die verbleibenden Worte in nahezu dadaistischer Manier aus ihrem syntaktischen Korsett befreit und in ihrer alphabetischen Übereinanderreihung der freien Assoziation Preis gegeben. Angeregt durch die unterschiedlichsten Bemühungen um die nachträgliche Komplettierung von Werken verleiht Natalie Czech den "Unvollendeten" mit der Wahl des Titels noch eine weitere Ebene ihres kulturellen Referenzsystems, ist er doch mit der unvollendeten 8. Sinfonie von Franz Schubert identisch. Nach jahrzehntelangen Wettbewerben um die Vervollständigung, ist man heute jedoch nicht mehr sicher, ob Schubert sie nicht doch als abgeschlossen angesehen hat.
Die zweckmässig offene Fragestruktur der Kreuzworträtsel, das im Fall Austen und Schubert vermutete unfreiwillige offene Ende sowie die postmoderne Adelung derartiger Erzählstrukturen durch Antonioni liefern die tragende Konstruktion für die von Natalie Czech in "an And and and" gleichermassen semantisch und ästhetisch ausformulierten Verweise auf das konstruktive Potenzial ungelöster Abschlüsse, wie es in ihren die Imagination der BetrachterInnen herausfordernden Arbeiten zum Ausdruck kommt.
Julia Moritz
BÜRO DC and curator Julia Moritz are pleased to introduce "an And and and", an exhibition showing a three-part group of new works by Natalie Czech (*1976) dedicated to the phenomenon of the end of visual or language-based narration and its influence on our perception of reality. Given the Cologne-based artist's previous investigations using popular media images of social phenomena and earlier output with large-format digital photomontages - as recently featured in "Ahoj Ouroboros" (published by Revolver) - the current work can be interpreted as an expansion of Czech's media spectrum.
The exhibition "an And and and" shows video work by Natalie Czech for the first time. "The Passenger" is a meticulously composed, fifteen-minute sequence of the last shots seen in various films. Its title refers to the 1975 Michelangelo Antonioni film of the same name, where Jack Nicholson assumes the identity of his dead neighbor at a hotel in an attempt to flee his previous life. This and similar film history milestones make up Czech's selection of closing film seconds. Informed by a downright ethnographic interest in recurring image types and formulas, Czech sifts through the rich cultural reservoir, registers various formal strategies and assumes them - like the "passenger" - in her own film work. The final shots used in the piece unify the "open end" moment; as in real life they signal the end of the story with unanswered questions rather than justified, coherent resolution.
The remarkable potential of such "non-endings", employed frequently by Antonioni throughout the 1960s and seventies, lies in their deconstruction of the constitutive difference between film and the real world: the cinematic, parenthetical use of a beginning and an end to frame and bring closure to a set of fictional occurrences. By contrast, the coda designed as an open text generates a kind of intersection between the film and viewer realities, thereby delegating the cinematic fantasy world onto the individual viewer. One particular stylistic device that Czech's artistic arrangement utilizes - drawing attention away from the lack of color, sound and protagonist depictions - is the use of daylight ambience. In this way, elements such as the classic sunset, the symbolic end used to signal narrative closure, can be recognized - a "muting of the narrative and triumph of the visual" (Thomas Christen). Czech's composition of endings becomes a peculiar kind of road movie that embarks on a journey for its own sake, works with the very sublimity of infinite space and transforms the abstract sequences into an image reality filled with longing.
A cycle of collages, made from a collection of different types of crossword puzzles that the artist has gathered over the years, continues the investigation of visual codes with unresolved tasks and situations. Similar to the video piece, the spectrum in the serial arrangement of seemingly identical parts - in this case, the countless unsolved crossword puzzle variations - opens new, abstract images. In this way, "Das grosse Freitagsrätsel(The Big Friday Puzzle)" (85 x 65 cm) consists of 70 issues of the aforesaid puzzle from the Friday Frankfurter Allgemeine Zeitung, "Crossword" (56 x 80cm) unites 88 variations of the same Herald Tribune column from Monday, "Quadratortur(SquareTorture)" (60 x 52cm) is made from 56 weeks worth of Sunday FAZs and "wahrhaftig und verborgen(veritable and clandestine)" (75 x 53cm) appeared under this catchy title in 63 issues of the Saturday TAZ. Here, Natalie Czech assumes the inherently rigid logic of crossword puzzles and uses it to generate a specially-formulated system for each piece: one that is no less provocative for the eye of the beholder than the empty boxes are to the distraction-seeking mind of the original addressees. Czech's fruitful search for traces in the everyday world of signs finds itself once again in the parallels between popular culture representation and the abstract language of classical art practices.
What is missing in the crossword puzzles reemerges as material for the "Unvollendeten (incompletes)" - the words. The third piece in Natalie Czech's three-part group of works manifests itself as the artist's reflection on the conditions and potential of endings in a space-filling work on paper: the six paper strips trailing over the walls and the exhibition space floor pertain to Jane Austin's unfinished novel "The Watsons" (1804), which six different authors have attempted to complete in the years between 1923 to 2005. Czech's pages, which in their various page lengths have been enlarged, carved into single words and re-arranged into last book pages of the original first editions, subtly play with the divergence of original and imitation. Yet this work is also endued with a carefully chosen blind spot: the names of the caricatured figures and their country settings have been omitted in the collage process; the remaining words, in a nearly Dadaistic manner, have been freed from their syntactic corsets and given over to free-association through alphabetical listing. Motivated by these diverse, belated completion efforts of unfinished works, Natalie Czech's title "Unvollendeten" also adds another layer to her cultural referencing system: it has the same title as Franz Schubert's incomplete 8th symphony. After decades of competitions to complete the piece, it is longer known for sure if Schubert himself didn't in fact regard the work as finished.
The purposefully open-ended formulation of questions used in crossword puzzles, presumably unintentional non-conclusions in the case of Austen and Schubert, and the postmodern appropriation of this type of narrative structure through Antonioni deliver the load-bearing construction for Natalie Czech's "an And and and", the artist's equally semantic and aesthetic articulation on the constructive potential of unresolved conclusions as they are expressed when left to the viewers' imagination.
copyright: Natalie Czech / VG-Bildkunst / die Autoren 2010